Opfer oder Täter?

by Volker Weber

Spon berichtet:

Ein Polizist hat am Freitag bei einem Einsatz in Dortmund einen Mann erschossen. Das Opfer, ein 23-jähriger Mann, hatte den Beamten mit einem Messer angegriffen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Der Mann hatte zuvor einen Kioskbesitzer bedroht, um ihn zu berauben.

Man könnte das auch so erzählen:

Ein 23-jähriger Mann griff am Freitag einen Polizisten mit einem Messer an und wurde daraufhin von diesem erschossen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mitteilten. Der Mann hatte zuvor einen Kioskbesitzer bedroht, um ihn zu berauben.

Comments

Insbesondere den Messerstecher hier als Opfer zu bezeichnen ist schon eine herbe Verdrehung der Verhältnisse.

Sehr wahr. Die Art, wie etwas formuliert wurde, beeinflusst die Interpretation desselben Inhaltes stark. Man kann auch umdrehen und sagen, mit der Wahl der Formulierung lässt sich die Interpretation beeinflussen. Und wir als Leser sind uns dessen in der Regel nicht bewusst. Danke für das Beispiel.

Vom Täter zum Opfer, so schnell kanns gehen.
Trotz der vorangegangenen Tat ist und bleibt er das Opfer. Ein Toter kann schliesslich kein Täter mehr sein. Ein Messerangriff rechtfertigt schliesslich keinen
Todesschuss.

Als Verdrehung der Verhältnisse würde ich das nicht bezeichnen.

Michael Lohmann, 2006-04-15 12:10

Ich würde ihm einen Darwin Award verleihen. Erst einen Kioskbesitzer und dann einen bewaffneten Polizisten mit dem Tode zu bedrohen, kann tödlich sein.

Ein souverän agierender Polizist hätte vermutlich versucht, auf Hand, Arm, Fuß, Knie oder Schienbein zu schießen oder, noch naheliegender und vermutlich auch vorgeschrieben, zuerst einen Warnschuss in die Luft abgegeben, oder, und das dürfte eigentlich völlig ausreichen, den Angreifer nur durch auf ihn Richten der Waffe auf Distanz gehalten. Lezteres klappt natürlich nicht, wenn der locker auf dem Abzug liegende Finger plötzlich vor Angst zu zittern beginnt und sich versehentlich ein Schuss löst, was schnell gehen kann.

Es dürfte aber jedem Polizisten klar sein, daß so ein aus nächster Nähe auf den Oberkörper abgegebene Schuss mit großer Wahrscheinlichkeit tödlich ist, da die Polizei in NRW seit einiger Zeit zur Verhinderung von Durchschüssen Teilmantelgeschosse einsetzt. Diese verursachen beim Getroffenen deutlich größere innere Schäden als die zuvor verwendeten Vollmantelgeschosse.

Damit stellt sich also, unabhängig von der Formulierung der Zeitungsnachricht, die Frage, ob die Reaktion des Polizisten auf seine Bedrohungslage, was Verhalten und Wahl der Mittel angeht, angemessen war oder nicht. Schließlich ist auch die Dortmunder Nordstadt keine Gegend, wo Leute einfach über den Haufen geschossen werden. Freilich schwingt etwas der Verdacht mit, daß man es in diesen Slums mit dem ganzen Pack eh nicht so genau nimmt.

Ich habe schon Leute (zum Glück ohne Waffe) auf Polizisten zustürmen sehen, da bleibt für Warnschüsse nicht mehr viel Zeit. Wenn ich mir dazu noch ein scharfes Messer in der Hand des Angreifers vorstelle, muss man nicht von zittrigen Fingern reden, wenn ein Schuss tödlich ist. Das muss das Ergebnis der Ermittlungen zeigen.

Es stellt sich aber die Frage, ob der Spiegel hier unbedingt eine so voreingenommene bzw. Voreingenommenheit erzeugende Wortwahl verwenden muss. Vor allem, da das bei anderen Medien schon ganz anders klingt:

Als der Angreifer mit dem Messer in der erhobenen Hand auf einen Polizeikommissar zugelaufen sei, habe der nach Warnrufen zwei Schüsse abgegeben. Eine Kugel traf den Mann in die Brust und verletzte ihn tödlich.

@Oliver: Polizisten werden genau für solche Vorkommnisse ausgebildet. Sinn der Ausbildung ist u. a. dem Polizeibeamten die Möglichkeit zu geben besonnen auf solch extreme Stresssituationen zu reagieren. Und woher weisst Du ob das Messer scharf geschliffen war? Und ein erfahrener Polizeibeamter (Kriminalkommisar) sollte schon auf Grund der Handhaltung (mit erhobener Hand, also von ober herab) erkennen dass es sich um keinen erfahrenen Messerstecher handelt. Denn aus dieser Handhaltung sind die Abwehmöglichkeiten des Gegners gut und die zum Stich verfügbare Kraft nicht optimal nutzbar. Und dann hätte der Beamte mit Sicherheit eine weniger entgültige Form der Gefahrenabwehr nutzen können.

Sieht mehr nach einem Möchtegern-Rambo aus, der in Panik geraten ist. Und solche Leute haben im Polizeidienst nichts verloren. Warten wir also die Ermittlungen ab.

Richard Kaufmann, 2006-04-17 13:11

Also, entschuldigt bitte, wenn ich einige dieser hier veröffentlichten Kommentare als grossen Sch... werte!
Ich selbst bin Einsatztrainer bei der Polizei und kann einige Kommentare hier nicht so richtig verstehen...?!
Ein Messer ist gefährlicher als eine Schusswaffe!!!!!
Und selbst in der Hand eines Ungeübten absolut tödlich!
Und zumeist wird ein Messer bei einem Angriff erst dann erkannt, wenn es bereits eingesetzt wurde!

Man kann den Kollegen hier nur beglückwünschen,dass er noch die Möglichkeit hatte, im Rahmen der Notwehr sein eigenes Leben zu retten!(auch wenn es das Leben des Angreifers gekostet hat)!

Der Beamte hat lediglich auf eine für ihn lebensbedrohliche Situation reagiert!

Aber bestimmt sehen das hier einige anders...diejenigen könnten ja bei nächster Gelegenheit sich melden, um der zurückgebliebenen Frau und den Kindern des Beamten die Todesnachricht zu überbringen....

In diesem Sinne....einen schönen Sonntag noch

Robert Paul, 2007-01-21 11:14

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