Das ewige Beta und der deutsche Perfektionismus

by Cem Basman

Ja geht denn das überhaupt zusammen? Das ist eine Frage, die ich bei der ersten Sitzung der Dezentrale gerne noch gestellt hätte. Nun, für die Szenekenner des Web 2.0 ist das obligatorische Beta-Etikett auf neuen Sites und Services sicher mittlerweile ein eher abgegriffener Marketingbegriff. Aus dem Ausdruck aus dem Versions- und Releasemanagement ist ein weltweiter Meme geworden. Alles ist Beta. Alles ist im Entstehen. Nichts ist fertig. Der profesionelle Unperfektionismus.

Die Dichter und Denker der Nation, die vielgerühmten deutschen Ingenieure, Tüftler und Bastler, die Gründer und Industriekapitäne des Wirtschaftwunders würden sich im Grabe umdrehen. Oder etwa nicht? Der Hang in deutschen Grossunternehmen Projekte und Vorhaben sich totzuplanen und zu meeten, die zögernde Haltung vieler im mittleren Management, die Angst der Ressortfürsten vor dem Scheitern, der Unmut in den grauen Fluren vor dem Experiment, endlose Entwicklungszeiten und Abstimmungsrunden... Mein Rat: Werfen Sie einfach Ihren Betablocker in den Müll! Vereinfachen und beschleunigen Sie die Dinge! Free your mind!

Das Schlimmste, was dabei passieren könnte, ist, dass Sie im Museum of Modern Betas ("This site is in early alpha, I still need to figure a few things out") landen oder auf dem Friedhof von Michael Arlingtons TechCrunch Index.

Übrigens, Dr. Heribert Adamsky hat die Sitzung in den ehrwürdigen Hallen der Bibliothek des Handelsblatts live protokolliert. In Beta natürlich. Perfekt.

Nachtrag: Der offizielle Artikel in Handelsblatt.com zum Event. Meine Wenigkeit ist auch mit Bild und text vertreten: Alles Beta oder was?

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Comments

Ich bin mal gespannt, wann der Über-web2.0 Startup kommt.

Viele bilden nur Details ab - openbc, last.fm, upcoming.org, ...
alles Domänen-Experts

Ich sehe den Erfolg von myspace genau in der einfachen Integration von dating, blogging, chat, foren, ... . Leider etwas zu junge Zielgruppe, zu viel Multimedia, und nicht offen ....

Vielleicht ist das Thema wirklich zu gross für EINEN Startup?

Konzeptuelle Ansätze sind vielleicht zu abstrakt. Hab mir schon länger nicht angeschaut, was sich bei RDF tut, aber natürlich kann man die Welt in Tripeln beschreiben. Das hilft konkret garnicht.

by the way fleavent ( http://blog.purzelbaumcorp.de/preview/place.html ) geht in die Richtung, aber wohl leider noch nicht online

Web3.0 sind dann RDF, UML, Ontologien, Ähnlichkeitsrelationen ...

Kann man dieses Ganze überhaupt noch effizient in relationalen Datenbanken abbilden ohne dass Queries mit Potenzmengen heisslaufen?

pierre

Ich glaube nicht, dass ein ÜberWeb kommt. Das Wesen des neuen Web und somit auch des neuen Arbeitsplatzes ist es, das jeder nach seinen individuellen Bedürfnissen aus dem mosaikartigen Angebot im WWW seine persönliche Arbeits-, Unterhaltungs- oder Bildungsumgebung baut. Das, was alles zusammenhält sind dabei die (Web-)Standards.

Ferner nehme ich an, das diese individuelle Umgebung zuzätzlich weitgehend mobil sein wird.

Das Thema, was in diesem Zusammenhang die grösste Herausforderung darstellt, ist die Lösung des Problems wie "Identität" in so einer Umgebung sinnvoll, einfach und weltweit allgemein akzeptiert dargestellt werden kann. Wer dieses Thema löst, hat die Schlüssel der Zukunft in der Hand.

Unabhängig davon wie es insgesamt weitergeht finde ich die »beta-manie« fast schon erfrischend ehrlich. Was früher (und in vielen Bereichen auch noch heute) so alles als »final« abgeliefert wurde und wird, hatte dieses Label selten verdient. Ich denke beispielsweise an verschiedene Windows-Versionen, die Siemens Schwebebahn am Flughafen Düsseldorf oder den VW Touran in 2003 (vom Entwicklungsstand der Handies, Computer etc. mal gar nicht zu reden). Da mögen die (deutschen) Ingenieure lange debatiert haben, ein fertiges und fehlerfreies Produkt ist eben nur selten das Ergebnis einer langen Debatte!

Wenn jetzt also »beta« draufsteht, vieles davon aber im Betrieb stabil und damit »final« ist, dann finde ich das fast eine wünschenswerte Entwicklung.

Thomas Nowak, 2006-04-28 21:04

Siemens Schwebebahn, Toll Collect, Gesundheitsreform, die Software zu ALG II, ... Mammutprojekte. Der Turmbau zu Babel hätte auch in Berlin konzipiert sein können.

Die Kritik andererseits richtet sich danach, dass das "Beta" im neuen Web auch eine manirierte Attitude geworden zu sein scheint ...

Bei uns in der Firma hieß es einmal, bei der Realisierung eine großen Projektes, "Wir fliegen zum Mond. Um den Sauerstoff kümmern wir uns unterwegs."

Geklappt hat es dennoch ;).

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