In welcher Branche sind wir eigentlich?

by Cem Basman

Ab und zu stellt sich einem diese Frage. So auch heute morgen im Top-Management. Da fällt mir immer wieder dazu beispielhaft folgende Geschichte ein:

Sie spielt bei einem namhaften deutschen Hersteller von Leuchten von Weltgeltung ab. Es sind die sechziger Jahre. Das Familienunternehmen stellt bis dato Nachttischlampen her. Rosa. Mit Trotteln. Passend zur Gelsenkirchener Schlafgarnitur. Tochter des Hauses verliebt und verlobt sich mit einem jungen "Tunichgut". Vater ist entsetzt, bietet dem Schwiegersohn in spe gönnerhaft einen Posten in der eigenen Fabrik an. Die junge Familie muss ja von irgend etwas leben. Der junge Mann schaut sich das ganze ein zwei Wochen an und sagt dann dem Alten, er nähme den Job an - aber nur unter einer Bedingung: Alles muss sich ändern und alles muss so sein wie er sich das vorstellt. Der Alte ist geschockt, aber, oh Wunder, er willigt ein. Und das Wunder passiert. Der junge Mann trommelt erstmal die Belegschaft zusammen und fragt: In welcher Branche sind wir eigentlich? Alle antworten: Wir stellen Lampen her. Nachttischlampen. [Pause]. Der junge Mann sagt darauf hin: Falsch. Unser Geschäft ist "Licht". Nicht Lampen.

Daraus ensteht einer der renomiertesten und erfolgreichsten Unternehmen in Sachen Licht in Deutschland, ERCO. Die Erfinder der "Spots". Das wohl bekannteste Objekt, was sie ausgestattet haben ist die Hong Kong and Shanghai Bank in Hongkong von Norman Foster [Neue Links!]. Eine Ausleuchtung in einer Kombination aus natürlichem Licht mittels eines Spiegelsystems, das Tageslicht kontrolliert in das haushohe Atrium wirft, und aus künstlichem Licht. Das Gebäude gilt immer noch als Paradebeispiel für geniale Ausleuchtung.

Ich weiss nicht, ob sich die Geschichte exakt so zugetragen hat, aber sie ist einer meiner Lieblingsgeschichten. Ab und zu muss man sich das fragen: In welcher Branche sind wir eigentlich? Übrigens, es ist uns gelungen, zu klären, in welcher Branche wir sind. In einer Art und Weise, die jeder versteht. Und das ist wichtig.

Comments

interessant, das ist exakt eines meiner Lieblingsansätze, Unternehmen zu betrachten. Gelehrt hat mich das ein US Professor namens Doherty damals in FFM. Auch mit bezeichnenden Stories, die sich immer wieder um das eine Thema drehten, wie man als Unternehmen am Ball bleiben kann.

Im nachhinein fatalsten war seine Story über einen Beratungsauftrag bei BP: Kann man sich die Versicherungsprämien alle schenken. Doherty ging vom worst case aus und entwickelte ein prophetisches Szenario (quasi). Was würde passieren, wenn eine Boeing 747 mit BP Kerosin in das World Trade Center kracht. Und tatsächlich, man kann es jetzt glauben oder nicht, BP hatte danach entschlossen, alle Versicherungspolicen zu kündigen, da man zwar die Kleinstschäden aus der Kasse locker begleichen konnte, doch dieses Risiko war nicht versicherbar und damit bezahlbar.

Wie sagt man dazu? Denken ausserhalb der Box? Sowas in der Art.

Robert Basic, 2006-03-08

Denken ausserhalb der Box? Ja könnte man sagen. Manchmal ist es ganz heilsam, mal ein zwei Schritte zurückzugehen und mit etwas Abstand zu betrachten, was man eigentlich da tut. Ich mache das von Zeit zu Zeit. Man sieht neue Horizonte. Orientiert sich wieder.

Cem Basman, 2006-03-08

link nach honkong ohne error: http://deu.archinform.net/projekte/2352.htm

Nils K. Windisch, 2006-03-08

Ich habe die Links zum HSBC building komplett neu gesetzt, da die bisherigen (und auch die vorgeschlagenen) nicht zuverlässig funktionieren. Der Link auf das Büro von Foster hat schöne Fotos, die ich aber nicht direkt verlinken kann. Viel Spass dort beim stöbern ...

Cem Basman, 2006-03-08

hallo, ich bin der oben erwähnte schwiegersohn, inzwischen pensioniert aber weiterhin beratend tätig. die ehe hat gehalten und ist nach über 40 jahren glücklich und fröhlich. der damals von mir entwickelte slogan hiess: wir müssen "licht statt leuchten" verkaufen. anfang diesen jahres hat erco einen neuen slogan ins netz gestellt: "tune the light". er reflektiert die grosse veränderung durch die netzwerke die in der modernen lichttechnik möglich sind. dazu aber mehr unter www.erco.com

da ich mich mit blogs beginne zu beschäftigen war ich zufällig auf diese seite gestossen.

klaus jürgen maack

klaus-Juergen Maack, 2006-07-22

Ein Nachtrag.

Volker Weber, 2006-07-23

Herr Maack, ich freu mich sehr, dass Sie auf diese kleine Anekdote geantwortet haben und diese aus Ihrer historisch wahren Perspektive etwas gerade gerückt haben. Am Kern der Wahrheit hat sich dadurch nichts verändert.

Ich finde, sie ist einer der ausserordentlichen Geschichten der deutschen Wirtschaft. Sie ist nicht nur eine Marketing-Geschichte. Sie zeigt das Verständnis eines Unternehmers zu seinem Geschäft.

Ihre Geschichte war all die Jahre für mich ein Vorbild und ein Bild, das ich meinen Kollegen im Management immer gerne erzählt habe. Die meisten haben sie verstanden ...

da ich mich mit blogs beginne zu beschäftigen war ich zufällig auf diese seite gestossen.

Ich würde mich auch freuen, wenn Sie uns über Ihr neues Blogprojekt berichten können. Natürlich werden alle Sie hier dabei unterstützen, dort wo Sie es brauchen ...

Herzliche Grüsse aus Hamburg
Cem Basman

Cem Basman, 2006-07-24

Sehr schöne Geschichte. Der Kommentar von Herrn Maack zeigt einmal mehr, was Commerce Media im Gegensatz zu Social Media nicht leisten wird: Eine Geschichte erhält Leben durch die Menschen, die sie lesen, die sich ärgern, die gerührt sind, die einen individuellen Kontext herstellen. Und zwar in Echtzeit. Damit meine ich jetzt nicht das eklige Wort, dass die sterbenden PC-Software-Schwäne meinen, sondern die Zeit, die jemand in echt mit einem Text verbringt.
Jetzt, Heute oder nächstes Jahr. Zeitungen landen im Altpapier oder im Keller bei Pappa ante Portas`Ordnungszwang. Ein Blog behält seine Texte. Das Web vergisst nix. Was des einen Überwachungsfimmelarmageddon ist des anderen Glück. Endlich mal was Gutes aus Hannover. Achja, waren schöne Zeiten damals hinterm NDR...

Jörg Wittkewitz, 2009-03-30

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