Cicero: Wir sind dann mal fort

by Volker Weber

Während wir endlos über die Extreme von oben (Topmanager und deren Gier) und unten (Mindestlohn-Empfänger und gewalttätige Migrationsjugendliche) diskutieren, vollzieht sich ein Bruch der Gesellschaft in der Mitte. Man erörtert über Jahre, wie man den Wohlstandskuchen noch ein bisschen gerechter verteilen könnte, doch unterdessen flüchten diejenigen aus der Küche, die den Kuchen backen sollen. Unser Problem sind nicht 100 maßlose Manager oder 100000 türkische Familien in vermeintlicher Armut. Es sind die Millionen der Mittelschicht, die die Gesellschaft tragen, sich aber von ihr zusehends weniger getragen fühlen. Sie zahlen immer höhere Abgaben, erleben Wohlstandsverluste, werden bevormundet, müssen ihre Kinder in schlechte Schulen schicken und werden dem Wettbewerbsdruck der Globalisierung mit viel weniger Schutz ausgesetzt als die ganz unten und ganz oben.

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Comments

Das Durchschnittsalter unserer Auswanderer beträgt 32 Jahre, es sind junge Ärzte und Ingenieure, Wissenschaftler und Facharbeiter, Handwerker, Techniker und ehrgeizige Dienstleister.

Stimmt. Mathestudium in Darmstadt abgeschlossen (und dort aufgewachsen), seit 1998 in Göteborg. Damals fast 30 Jahre alt.

Federico Hernandez, 2008-02-01

Den Mittelstand hat man seit vielen vielen Jahren ordnungspolitisch, wirtschaftspolitisch und sozialpolitisch enorm vernachlässigt. Dafür steuerlich gegängelt, mit nachgerade wahnsinnigen Auflagen irgendwelcher Regierungspräsidiums-Theoretiker gepeinigt und das Massensterben von kleineren Betrieben bewußt in Kauf genommen (bzw. gefördert: im ersten Monat dieses Jahres sind mehr Gastronomiebetriebe Pleite gegangen als im ganzen letzten Jahr zusammen, wenn meine Information stimmt).

Jemand, der den irrsinnigen Gedanken hat, sich selbständig zu machen, dann vielleicht sogar am Anfang tatsächlich Erfolg hat, dem schlägt irgendein uneinsichtiger Mensch eine Vorsteuervorauszahlung um die Ohren, daß er den Laden gleich wieder zumachen kann - entweder Steuer oder Ware und Mitarbeiter bezahlen, das ist hier die Frage.

Aber wehe, dieser Mittelstand geht in den nächsten Jahren und Jahrzehnten in Rente. Da wächst nichts nach.

Gottseidank gibt´s wenigstens ein bißchen Hoffnung, der steuerliche Beitrag zum allgemeinen Wohlstand durch die aus der Türkei eingewanderte Bevölkerung (ich meine die im Mittelstand, zum Beispiel meinen netten apfelwangigen Früchtehändler, den Blumenladenbesitzer an der Ecke, den Pächter der Araltankstelle im Nachbarort) ist nämlich erheblich. Allerdings reicht es zum Ausgleich längst nicht aus.

Dieser Artikel trifft den Nagel auf den Kopf. Deutlich erkennbar ist dieser Trend seit den 80ern, aber man kriminalisiert lieber irgendwelche Bevölkerungsgruppen gemeingefährliche suchtkranke Raucher, unökologische Viel- und Schnellfahrer etc.) als sich endlich dem Problem zu stellen.

Bereits als Herr Wissmann noch Mittelstandssprecher der Union war, hätte er das eine oder andere Mal den Mund aufmachen können, und den Mittelstand so vertreten sollen, wie er es verdient. Ladenöffnungszeiten liberalisieren? Ja, aber nur für Gewerbetriebende unter einer bestimmten Größe/im Familienbesitz/ohne Franchise wäre zum Beispiel (damals noch) eine tolle Idee gewesen.

Heute wird laut einer vom Bayrischen Rundfunk veröffentlichten Studie des statistischen Bundesamtes rechnerisch der Großteil des BIP durch lediglich 20% der Haushalte erbracht.

Das ist genau der Mittelstand. So viele brauchen gar nicht zu gehen.

Armin Roth, 2008-02-01

Armin, das ist doch immer wieder das gleiche Lied. Die Politik soll schuld sein, dass es dem Mittelstand nicht gut geht. Ich bin schon immer mein eigener Chef und ich weis genau, dass jedes mal wenn ich Geld in den Sand gesetzt habe, ich selbst Schuld war. Unternehmerische Fehlentscheidungen...

Egal was die Politik in den letzten 30 Jahren pro oder contra Mittelstand entschieden hat, hat das an meiner Situation im Grunde nichts geändert. Nur ich selbst war in der Lage, daran was zu ändern. Was macht denn das für einen Unterschied, wenn die Unternehmenssteuer um 3% gesenkt wird!? Um mir für meine Firma ein finanzielles Polster anzulegen, brauche ich keine kleine Steuersenkung, sondern mehr Aufträge.

Vorsteuervorauszahlung werden auf Gewinne erhoben und wenn die ausbleiben, schaut auch das Finanzamt in die Röhre. Umsatzsteuervorauszahlungen sind Zahlungen aus treuhänderisch verwaltetem Geld, das mir gar nicht gehört. Damit darf ich unternehmerisch nicht agieren.

Gastronomiebetriebe Pleite/gemeingefährliche suchtkranke Raucher - das steht offensichtlich in einem direkten Zusammenhang, glaube ich. Die Wirte klagen über die Reglementierung, aber niemand versucht daraus ein Geschäft zu machen und Nichtraucherkunden zu gewinnen. Moralisch kann man darüber streiten, unternehmerisch nur zu lamentieren ist fatal. Wenn ich in einem Restaurant frühstücke und die Bedienung anfängt zu rauchen, sollte die Bedienung gehen und nicht der Gast!

Ich möchte hier die Politik garantiert nicht in Schutz nehmen, aber es ist ganz schön bequem, nur zu schimpfen. Ich kann mich kaum erinnern, dass deutsche Firmen wegen der politischen Rahmenbedingungen Geld verloren haben, aber dass auf Grund von unternehmerischen Fehlentscheidungen Geld verbrannt wird, füllt täglich die Zeitungen. Immobilien-Kreditkrise 265 Mrd...

BTW: mein Bruder lebt seit vielen Jahren im Ausland ( Sharjah, Moskau, Abu Dhabi ), aber tauschen wollte ich mit ihm auf gar keinen Fall. Wie die Fantas schon sangen - "du bist hier Gast du fasst hier nichts an...". Da bin ich lieber stolz, zu den besagten 20% der BIP-Macher zu gehören.

Ich bleibe hier.

Hubertus Amann, 2008-02-02

Welcome to Switzerland.

Wen es interessiert, wie es Deutschen in der Schweiz ergeht:

blogwiese.ch - Erlebnisse und sprachliche Beobachtungen als Deutscher in der Schweiz

Schweizer Fernsehen: Die Deutschen kommen - Und wie lieb wir sie haben
(Den Link "Video" zuunterst auf der Seite klicken, um den ganzen Film abzuspielen)

Philipp Sury, 2008-02-02

Armin, für mehr Aufträge sind aber (oft) Investitionen notwendig. Und das ist mit Banken hierzulande kaum zu machen. Zumindest im Mittelstand. Grund ist immer wieder Basel II, Rating und angeblich "zu hohes Risiko". Heute wissen wir: Geld wird/wurde in gigantischem Ausmaße "verbrannt".
Dennoch ein kleines Rechenbeispiel: Firma A erhält einen Auftrag, der einen Reinerlös von EUR 100.000,- erbringt. Nun muß Firma A für diesen Auftrag eine Maschine im Wert von EUR 100.000,- anschaffen. Liquidität ist also Null. Aus steuerlicher Sicht sieht das aber leider anders aus. Durch Abschreibung ergibt sich ein satter Gewinn von ca. EUR 70.000,-. Und hierfür fällt dann so einiges an: Einkommensteuer, Gewerbesteuer, IHK-Beitrag, KK-Beitrag (GKV) usw. - plus die entsprechenden Vorauszahlungen.

Johannes Quabach, 2008-02-02

Kleiner Plug: Johannes Quabach schreibt die Buchhaltungssoftware, die vowe benutzt (und empfiehlt). Einfach auf seinen Namen klicken.

Volker Weber, 2008-02-02

Avantgarde spürt man nicht mehr daheim, sondern in der Fremde.

Wie wahr, wie wahr.

Stefan Funke, 2008-02-02

...und wenn´s mal knapp wird, findet sich eine Krankenversicherung, die für einen Konkurs anmeldet (die Leute sind damit ja immer so zögerlich). So geschehen beim Arbeitgeber meiner Frau, der verzweifelt versuchte, den Diebstahl seiner Hardware, die für die Entwicklung überlebenskritisch war, zu überwinden. Damit war dann Schluß, auch wenn er sich (vielleicht) noch hätte aufrappeln können.

Nur zum Vergleich die Abgabenquote in USA (dem qualifizierten Facharbeiter bleibt vom brutto): 60,8%, dem in Japan 67,6%, dem in Deutschland 34,3% (Zahlen aus 2006).

Ein Mittelstandsprogramm, das den Namen verdient, müßte für eine Reprivatisierung des Einkommens sorgen.

Diese Methode hat auch die Amts-Jahre Clintons so erfolgreich gemacht (auch wenn den Grundstein bereits Reagan gelegt hat).

Just my 2c.

Armin Roth, 2008-02-02

Ob die Politik Schuld hat? Tja...Es geht ja nicht nur um Abgaben. Die Regiererkaste scheint Gefallen daran gefunden zu haben, den Willen der Menschen zu unterbinden, sie zu kontrollieren, wo es geht, ihnen die Illusion zu verschaffen, der allmächtige Staat werde sie schützen und dafür Sorge tragen, dass immer alles gut ist. Was für eine lächerliche Lüge, die leider Gottes allzu oft geglaubt wird. Wer solche Märchen vermittelt, trägt für mich durchaus eine Schuld.

Frank L. Quednau, 2008-02-02

hm, nun es ist nicht nur die politische, vielmehr auch die gesellschaftliche entwicklung welche exorbitant dazu verleitet deutschland den rücken zu kehren. Wer will schon ständig gegängelt, beobachtet, angemotzt und unfreundlich behandelt werden ?

Letztlich gibt es anderswo auch Probleme. Deswegen ist es umso wichtiger das das gesellschaftliche Umfeld stimmt. Wir haben in meiner Wahlheimat gerade einen radikalen politischen Umbruch, der so gesehen eine Verschärfung der Rahmenbedingungen für dort lebende Ausländer bedeutet. Aber das tägliche Leben, Arbeiten und Wirken mit offenen, interessanten oder einfach nur freundlichen Menschen gleicht dies mehr als aus.

ingo harpel, 2008-02-03

Erinnert sich noch jemand an den "Ruck", den Roman Herzog vor 11 Jahren durch Deutschland gehen lassen wollte? (hier ist die Rede)

Leider nie passiert. Von der Kampagne "du bist Deutschland" fühlte sich auch niemand angesprochen, eher bevormundet.

Diese Aktionen hatten das Ziel, genau der Entwicklung entgegenzuwirken, die heute dafür sorgt, dass ambitionierte junge Leute ihre Zukunft ausserhalb von Deutschland sehen. Ich glaube wirklich nicht, dass wir unseren Politikern den Vorwurf machen können, dass sie die Entwicklung verschlafen hätten oder nicht versucht hätten, etwas dagegen zu unternehmen.

Timo Stamm, 2008-02-03

@ Timo: Dem kann ich nicht ganz zustimmen. Die Ordnungspolitik hat genau die Aufgabe, steuernd einzugreifen, wo Ungleichgewichte zum Nachteil von wirtschaftlich tragenden Säulen eines Sozial- und Statswesens entstehen (insbesondere, wenn dies ohne aufwiegenden Nutzen für die anderen Teile der bevölkerung geschieht).

Bewußtsein ersetzt das Handeln nicht, Betroffenheit nicht Verantwortlichkeit. Das ist der Vorwurf, den man der Politik durchaus und berechtigt -unabhängig von der Couleur- machen kann: Das Fehlen von Verantwortungsübernahme und das Gegensteuern.

Armin Roth, 2008-02-04

Ich glaube das man mit exzellenten Know-How auch in Deutschland ein gutes Auskommen erzielen kann. Daher ist meine Meinung, dass größtenteils Mittelmaß ins Ausland geht (von Ausnahmen mal abgesehen). Zumindest die erwähnten Fernsehsendungen zeigen größtenteils Abenteurer, Gescheiterte oder Träumer (evtl. sind deren Geschichten spannender und die Auswahl daher nicht repräsentativ). Da verkauft dann jemand 2 Fahrschulen in Deutschland und eröffnet ein Bavarian Restaurant in Florida, da geht ein Fernfahrer nach Canada um seinen Traum von langen Highway Fahrten zu verwirklichen oder der Zimmerer nach Norwegen weil man dort anspruchsvolle Holzkonstruktionen fertigen kann.
Aber dem Malermeister fällt dann in Norwegen auch schon mal die Kinnlade runter wenn das Supermarkt Schnitzel auf einmal 10 Euro kostet und man Bier besser in Schweden kauft.
Eigentlich ist es doch ganz einfach. Politik die einem nicht gefällt kann man abwählen. Noch gehen aber mehr als 50% zur Wahl und dann bekommt man eben das was man gewählt hat.
Was mich allerdings in Deutschland doch ein wenig stört ist der Futterneid. Denn diejenigen die viel leisten werden leider oft schief angesehen. Porsche darf zwar in Deutschland Luxuswagen produzieren, nur in die Garage stellen darf man sich das Auto nicht. Und ein Oskar Lafontaine darf nicht in einer Villa wohnen denn Linke sind gefälligst arm und leben von Hartz IV.

Henning Heinz, 2008-02-04

Es ist richtig, dass der deutsche Mittelstand erstaunlich hohen Abgaben ausgesetzt ist, wenig direkte staatliche Gegenleistungen erhält und daher nur bedingt eine "attraktive Gesellschaftsschicht" darstellt.

Trotzdem ist Deutschland immer noch interessant (der Autor des Artikels erweckt den Eindruck, als müsste Deutschland für jede Berufsgruppe der weltweit attraktivste Ort sein, aber das wird wohl keinem Land gelingen), und die Nettowanderungsbewegung ist durch Rückzüge - auch qualifizierter Personen - auf ähnlichem Niveau bei weitem nicht so dramatisch.

Nach vier Jahren in den Vereinigten Staaten hatten wir vor zwei Jahren beschlossen, mal wieder in ein zivilisiertes Land zurückzukehren, und die Entscheidung bisher nicht bereut - so viele nicht messbare Faktoren sprechen für Deutschland, dass wir uns hier um Größenordnungen wohler fühlen und durch den Auslandsaufenthalt unser Land umso mehr zu schätzen wissen.

Gegen eine Wiederaufwertung des Mittelstandes hätte ich aber trotzdem nichts einzuwenden... :-)

Hartmut Samtleben, 2008-02-04

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