Wenn weniger mehr ist

by Volker Weber

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Wenn ich mir die News anschaue, die so aus der CES kommt, dann werde ich ganz schwermütig. Mit großen Getöse werden immer mehr vernetzte Dinge angekündigt, die der Kunde sich dann ins Heim stellt und es mit immer mehr Software vollstopft, die immer schneller obsolet wird. Gerade erst erleben wir, dass ein Prozessorfehler Türen aufreisst, wo wir dicke Wände vermuteten. Hardware!

Ich schaue auf meinen fünf Jahre alten Fernseher, dessen Software seit Jahren nicht mehr weiterentwickelt wird, der mir damals aber Sprach- und Gestenerkennung anpries, die erste Funktion, die sich sofort als untauglich erwies. 3D-Brillen gab es auch dazu. Die verstauben in irgendeiner Schublade. Geblieben ist ein hässlicher Kamerahubbel auf dem Rahmen, mit dem man damals skypen konnte. Skype hat mittlerweile ein anderes Protokoll, die Software auf dem Fernseher wurde nie wieder angepasst.

Jetzt bekommen die Fernseher von Samsung also die Frau Bixby verordnet, die sich schon in den Smartphones des Herstelllers großer Beliebtheit erfreut. So ein Fernseher hält fünf bis zehn Jahre. Ich bin gespannt, wie die Software in diesen Geräten altert. Ich will dabei gar nicht mal so sehr auf Samsung rumhacken. Das Problem gibt es überall. Wir mussten neulich bei Mercedes einen Satz Winterreifen abholen. Bei der Gelegenheit habe ich mich in den aktuellen Smart gesetzt. Wir hatten ja selbst mal einen. Und dann habe ich das Zentraldisplay eingeschaltet. Ach Du liebe Zeit! Ein Interface aus der ersten Dekade des Jahrtausends. Knubbelige 3D-Buttons, unübersichtlich, langsam, einfach furchtbar. Wir schaffen uns mit dieser ganzen Software, die ruckzuck achtlos weggeworfen wird, ein Riesenproblem, wenn die Dinge alle erst mal vernetzt sind.

Ganz schlimm wird es, wenn man alle möglichen Dinge reingedonnert bekommt, die man gar nicht haben will. Im Hintergrund aktualisiere ich gerade einen ziemlich alten Windows Rechner von Lenovo. 32 GB SSD, das ist sehr wenig. Damit der Upgrade funktioniert, muss ich erst mal Platz schaffen. Allein 10 GB sind alte Windows-Versionen, weg damit. Und dann ist da noch der ganze Kram, den ich nicht haben will, niemals benutzen werde, aber den ich nicht löschen darf. Fängt mit X an und geht mit box weiter. Die ist für mein Windows verpflichtend. Mir kann keiner erzählen, dass das technisch so sein muss. Schließlich würden die Unternehmenskunden meutern, wenn sich das nicht entfernen ließe. Nur, den Knopf kriege ich als kleiner Wicht nicht.

Bei der Elektroinstallation unseres Hauses habe ich mich damals für eine möglichst simple Technik entschieden. Keine Software, nur solider analoger Kram. Sowas soll schließlich wenigstens 30 Jahre halten. Das war eine gute Entscheidung. Sollte ich noch mal einen Fernseher kaufen, dann hat der ein schönes Bild und sonst gar nichts. Für guten Ton ist eh kein Platz mehr drin und die Software kommt woanders her. Wer hat Lust auf einen Kühlschrank mit riesigem Android-Tablet in der Tür? Vernetzter Herd oder Sauna? Intelligente Haustüre?

Comments

Antwort auf die letzten Fragen: Felix (http://wirres.net/article/articleview/10905/1/6/) - aber das weißt du ja sicher schon. ;-)

Thomas Langel, 2018-01-09 10:56

"Oh, ein Gastbeitrag!"
Dachte ich zunächst. ;-)

Kristof Doffing, 2018-01-09 11:13

Falls der kleine Wicht den Knopf wirklich sucht und nicht findet:
u.a. hier:

http://www.tomsitpro.com/articles/remove-pre-installed-windows-10-applications-powershell,2-18.html

Roland Urban, 2018-01-09 11:23

Thomas, das finde ich absolut großartig. Felix glaubt ja selbst nicht, dass er die investierte Zeit jemals wieder reinholt. Das ist halt sein Hobby.

Kristof, dann funktioniert der Text! :-)

Roland, steht auch irgendwo auf dieser Website. Das ist aber kein Knopf. Danke aber für die Erinnerung. Das hilft schon mal:

Get-AppXPackage –Name *xbox* | Remove-AppXPackage

Volker Weber, 2018-01-09 11:25

Schöner Beitrag und speigelt so ziemlich meine Worte wieder wenn sich jemand im Bekanntenkreis ein Smartdings gekauft hat.

Aber der Dumme Fernseher ist ja ein Problem, sowas ist kaum zu kommen. Vor Jahren habe ich mir nocj einen der letzten Pioneer Geräte gekauft. Damals war schon ein Medienserver drin: kurz gelacht, nie genutzt.
Den Fernseher gab es auch als dummes Display. Genau mein Ding. Aber in Deutschland nicht und im Ausland nur gegen teuren Aufpreis zu bekommen. Die Situation scheint sich kaum gebessert zu haben, offensichtlich ist es wichtiger eine 2€ Smartkomponente zu verbauen als das Gerät ohne anzubieten. Bei Bekannten sitzt man dann vor Fernsehern die 3 Minuten benötigen um Android zu booten und 2 Sekunden bis der Tastendruck der Fernbedienung (nur echt mit 102 Tasten!) interpretiert wurde.

Ich habe Angst vor dem Tag an dem man Glühbirnen nur noch mit IPV6 und Wlan kaufen kann.

Dominique Roller, 2018-01-09 12:25

Bei den Fernsehern hat man den Vorteil das man das "smarte" Zeugs ja nicht nutzen muss wenn man nicht will. Wahlweise keine Netzwerkverbindung einrichten, oder auf dem Router dem Fernseher verbieten mit dem Rest der Welt zu sprechen (wenn man lokale Netzwerkfunktionen nutzen will).

Ansonsten: ja, KISS ist ein wunderbares, unterschätztes Konzept.

Daniel Meyer, 2018-01-09 12:45

Eventuell sind die Displays von SWEDX als TV-Alternative interessant: http://swedx.se/index.php?cPath=133&language=de

Große TV-Displays ohne Empfänger, Smartkrams und Audio. Habe bislang Gutes über die Geräte und Support gehört, aber keine eigene Erfahrung.

Dennis Frank, 2018-01-09 14:14

Man muss kein Kulturpessimist sein, um die Aufgeschlossenheit befremdlich zu finden, mit der Verbraucher „smarten“ Geräten begegnen.

An der neuen Heizung meiner Eltern, Baujahr 2017, können die meisten Einstellungen nur noch über Apps des Herstellers vorgenommen werden. Wenn in vier Jahren dann eine Ransomware das seit Kaufdatum ungepatchte Android lahmlegte, wäre das nicht weiter verwunderlich.

Der letze Versuch mit Smart Home ging auch schon in die Hose. Die Außenjalousien, die per iPhone gesteuert werden konnten, haben leider den Sprung auf iOS 4 nicht mehr mitgemacht und werden seitdem mit Hilfe eines Sacks gesteuert, der draußen über den Sonnenlichtsensor gehängt wird.

Henning Petersen, 2018-01-09 21:30

Was wäre denn, wenn man die Garantiezeiten für bestimmte Produkte auf 5-10 Jahre ausdehnen würde? Dann hätten die ganzen Wegwerfsysteme schnell ein Ende. Wenn die Stiftung Warentest ein Gerät mit mangelhaft testet - dann ist es auch ganz schnell aus dem Markt. Deutschland könnte ja mal mit weisser Ware voranschreiten. Dann vielleicht die Unterhaltungselektronik als zweites. Wenn dann in dieser neuen vorgeschriebenen Garantiefrist ein Mangel auftritt (eine Sicherheitslücke oder ein Problem der Software), dann muss die Firma eben nochmal ran. Wegducken ist dann nicht.

Uwe Brahm, 2018-01-09 22:37

Irgendwie musste ich an diesen Artikel denken als ich diese fantastische neue Technik sah:

https://www.youtube.com/watch?v=Dc_s7jUTAbE&ab_channel=BBCNews

Armin Grewe, 2018-01-10 20:43

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