Wir tun uns schwer mit IT-Lösungen in Deutschland. Ich will das noch mal anhand eines aktuellen Vorgangs mit der Techniker Krankenkasse (TK) erläutern. Das ist keine Kritik der Krankenkasse, mit deren Leistungen ich zufrieden bin. Es zeigt einfach nur, welchen absurden Quatsch wir produzieren, wenn es digital wird.
Als Versicherter habe ich von der Krankenkasse einen kleinen Ausweis in der Größe einer Scheckkarte. Sie wird nicht Kranken- sondern Gesundheitskarte genannt. Darauf ist ein Bild von mir, ein paar Zahlen und in der Karte ist ein Chip, der von einem NFC-Terminal gelesen werden kann. Zu der Karte sollte ich auch eine PIN haben, die ich aber nicht habe.
Also fordere ich eine solche PIN an, über die App der TK, in der ich sicher authentisiert bin. Für ganz harte Sicherheit habe ich auch noch eine zweite Ident-App der TK, die immer dann aufgerufen wird, wenn die eigentliche App superduper ganz sicher sein will, dass der angemeldete und durch FaceID authentisierte Benutzer auch wirklich der ist, der er sein sollte. Also etwa, wenn ich gucken will, ob der Arzt mein Rezept schon “auf die Karte gespeichert” hat.
Die TK-App, also die erste, kann man nur einrichten, wenn man sich per Post einen Freischaltcode (eine Start-PIN) zuschicken lässt. Dieser Code ist nur vier Jahre gültig. Man braucht ihn erneut, wenn man zum Beispiel ein neues Handy einrichtet. Bei mir ist er im Mai 2026 abgelaufen und ich überlege mir, einfach prophylaktisch einen neuen Code anzufordern. Für die TK-Ident-App gilt er aber ohnehin nicht.

Um diese zweite App freizuschalten, reicht es nicht aus, sich mit Versichertennummer und per Briefpost zugeschickter Start-PIN auszuweisen, sondern man braucht die Gesundheitskarte und eine PIN. Die PIN, die ich nicht habe. Hilfsweise kann man halbjährlich sich immer wieder mit der Ausweis-App, einem deutschen Personalausweis und der dazu gehörigen PIN ausweisen. Das funktioniert, wenn man sich einmal in der Ausweis-App und der zum Personalausweis gehörenden Start-PIN ausgewiesen hat. Diese Start-PIN bekommt man zusammen mit seinem Personalausweis auf einem Blatt Papier.
Da ich für die Gesundheitskarte gerne eine PIN hätte, bestelle ich also bei der Krankenkasse eine solche PIN. Diese kann mir von der App direkt übermittelt werden, wenn ich mich entsprechend ausweise. Dazu kann ich aber weder die superduper sichere zweite Ident-App der Krankenkasse noch die Ausweis-App mit dem Personalausweis und dessen PIN benutzen. Die TK-App erfordert dafür eine weitere, erst zu installierende Wallet-App, in der sie ein Ticket zur Überprüfung meines Ausweises aufmacht. Die will die Vorderseite und die Rückseite des Ausweises lesen, danach ein Selfie-Video von mir machen, und scheitert schließlich mit einer nichtssagenden Fehlermeldung. Einen zweiten Versuch kann ich nicht machen, da ja bereits ein Ticket existiert. Game Over.
Ich fordere also die Krankenkasse auf, mir die PIN zu der Gesundheitskarte per Post zuzustellen. Am nächsten Tag bekomme ich eine Mitteilung von DHL, dass ich demnächst einen Brief bekomme, den ich nur selbst in Empfang nehmen darf, wo ich mich wieder mit meinem Ausweis ausweisen muss. DHL scheitert bei der Ankündigung an deutschen Umlauten.

Einen Tag später bekomme ich von der TK in deren App eine Mitteilung, es läge ein Brief für mich vor. Die Mitteilung kann ich nicht ausdrucken und auch keinen Screenshot machen, deshalb ein Foto:

Der Brief ist ein PDF, das ich herunterladen kann. Es sieht aus wie ein normales Schreiben der Krankenkasse, enthält aber nicht die PIN, sondern nur eine Ankündigung, dass ich demnächst einen PIN-Brief bekomme, dass ich gefälligst persönlich anwesend sein soll, damit mein Ausweis geprüft werden kann.

Nun ist Tag 4 der Bestellung, DHL hat kein Update zu dem Brief und bisher ist der Brief auch nicht eingetroffen. So wie beim ersten Versuch vor neun Monaten.
Sollte ich tatsächlich eine PIN bekommen, werde ich sie auf die Gesundheitskarte schreiben. Zur Sicherheit.
Die Mitteilung habe ich rein zufällig im Postfach der TK App entdeckt. Sie war wohl sehr geheim, weil ich dafür keine andere Benachrichtigung per Email bekommen habe.
Diesen ganzen Verhau von Apps multiplizieren wir jetzt mit allen Banken und Versicherungen, mit denen ich Verträge habe. Rechnungen werden auch nicht mehr einfach zugestellt, sondern müssen jeweils in den Apps von Telekom und Co abgeholt werden.
Mein Fazit: Wir Deutschen sind einfach zu blöd für dieses IT-Zeitalter.
PS: Nein, ich bin für die elektronische Patientenakte nicht auch noch durch vier brennende Reifen gesprungen und habe der Einrichtung widersprochen.
Update: Sollte sich dieser Kommentar als wahr herausstellen, ist die Situation noch kafkaesker als ich mir das vorstellen konnte.

Update: Gute Nachrichten. Der Kommentar war falsch. Analoge Prozesse funktionieren tatsächlich noch und die Post hat den PIN-Brief in einem weiteren Umschlag zugestellt. Der Postbote hat versucht, meinen Ausweis (mit der Kamera) zu scannen, aber dann lieber die Daten, die ja schon auf dem Adressfeld standen, händisch eingegeben.

Damit habe ich jetzt eine PIN zu der Gesundheitskarte, die im Mai nächsten Jahres abläuft. Mit der dann neu zuzustellenden Gesundheitskarte werde ich auch eine neue PIN bekommen. Ich bin gespannt, wie dieser analoge Prozess dann funktioniert.

Also sowas von Full ACK (heißt das so?). Super beschrieben. Und gar mit mehr als fünf Worten/Sätzen – das ist in solchen Fällen offensichtlich unvermeidlich 🙂 Wir sind auch grad dran, dias TK-Online-Dings für meine Frau hinzukriegen. Ich ahne Fürchterliches. Signal Iduna beim mir, oder Allianz, sind leider nicht besser. Den letzteren Registrierungsversuch habe ich b.a.W. aufgegeben. Bei Verimi bin ich noch mit Perso und Führerschein testhalber dabei, sehe aber nicht, was das (jedenfalls so wie’s jetzt umständlich ist) in der täglichen Praxis verbessern soll. Kurz und schlecht: Nicht nur die TK zeigt, wie es NICHT geht, sondern viele andere in D auch. Wieso können wir nichts lernen z.B. von Estland oder Ukraine? Dazu hab‘ ich noch ne Story, aber hier und heute nicht.
Da habe ich schlechte Nachrichten:
Berlin, 15. Juli 2026
Die Gesellschafter der Verimi GmbH haben beschlossen, den Geschäftsbetrieb des Unternehmens zum Ende des Jahres 2026 einzustellen. Ausschlaggebend für diese strategische Entscheidung ist die aufgrund der Marktentwicklung veränderte Bewertung der Erfolgsaussichten von Verimi im Markt für digitale Identitätslösungen in Europa.
Versuch mit der TK App misslungen => aufgegeben. Fehlersuche – bzw.: Wo ist das verdammte alte Stück Papier, auf dem eine PIN (?) oder eine der sonstigen benötigten Nummern zu finden sein soll … ?? Nebenher mit zwei Profis aus der lokalen medizinischen Versorgungsszene gesprochen: die schütteln nur den Kopp, was die Unverständlichkeit, Umständlichkeit und Lahmheit der seit Jahren überfälligen Digitalisierung unseres Gesundheitswesens angeht. Papier rules. Nach Faxgeräten habe ich lieber nicht gefragt 🙂
Mit ein bisschen Glück taugt EUID-Wallet was. Aber das Letzte was ich zur Umsetzung in D gelesen habe, lässt mich eher nicht hoffnungsvoll zurück.
Es ist tatsächlich nicht zu fassen. Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit einem Kollegen aus Dänemark und über deren Gesundheitssystem. Seit seiner Geburt sind natürlich alle Daten digital vorhanden. Er kann entscheiden, welche Befunde, Bilder, Verschreibungen und Co. welcher Arzt sehen soll. Er hat garnicht verstanden, dass es das bei uns nicht gibt.
Als ich ihm erzählt habe, dass es aus meiner Kindheit keinerlei Arztinformationen mehr gibt, weil 1.) der Hausarzt gestorben ist und 2.) in der Folge der Jahrzehnte auch die ganze Praxis aufgelöst wurde, hat er mich nur sehr traurig angeschaut. Wir können es wirklich nicht. Und manchmal habe ich zudem den Eindruck, dass gewisse Kreise das Können auch nicht wollen.
diese ganze Odyssee mit der TK habe ich auch hinter mir. Dabei wollte ich nur mein neues iPhone in Betrieb nehmen. Ich habe dann den Weg gewählt mich mit dem Perso elektronisch auszuweisen.
Es gibt übrigens noch einen ganz schlimmen Fallstrick den ich durch Zufall gesehen habe. Wenn man auf die Idee kommt fehlende Daten in seine elektronische Patientenakte hochladen zu wollen wird man freundlich darauf hingewiesen, dass diese Daten/Dokumente nicht dauerhaft gespeichert werden, sondern bei einem Handywechsel erneut hochzuladen sind. WTF , wer denkt sich sowas aus?
Für Privatpatienten gibt es da eine ganz einfache Lösung: Papier-Rezepte…
Ja, die erste Klasse der Gesundheitsversorgung hängt noch fest im letzten Jahrtausend.
Interessant. In Island lebend verfolge ich dieses Thema mit Erstaunen und bin aufrichtig dankbar für diese Einblicke aus der Praxis. Wie weit ist Deutschland denn auf dem Weg zu einer elektronischen ID? Die regelt hier praktisch alles und ist super simpel im Mobiltelefon integriert. Zur Einrichtung musste ich mich einmal persönlich mit Ausweis in einer Behörde, Bank oder einem Telefonunternehmen ausweisen, fertig. Damit funktionieren praktisch alle Behördengänge. Auch Privatfirmen können die elektronische ID zur Identifizierung eines Kunden nutzen. Keep it simple!
ps: Und nein, das Totschlagargument, dass Island oder Estland kleine Länder sind und die Digitalisierung daher dort sooo viel einfacher ist, überzeugt nicht. Erstens sind die Ressourcen hier deutlich begrenzter, und zweitens könnte man es hier genauso kompliziert machen und schon im Ansatz torpedieren, wenn man denn wollte. Will aber niemand. Weil es Sinn und alles einfacher macht.
Eine richtige elektronische ID gibt es nicht wirklich. So langsam wird es zumindest bei behördlichen und Behörden-ähnlichen Vorgängen immerhin üblicher, dass man sich online per Perso + passender App authentifizieren kann, aber das ist natürlich bei weitem nicht das Gleiche.
Es gibt gute historische Gründe für die Situation in D und doch ist es praktisch oft schmerzhaft.
Aus unseren Jahren in Norwegen kennen wir auch, wie praktisch solch etablierte ID ist (dort: Fødselsnummer pro Person, meist gepaart mit BankID, um sich online zu authentifizieren). Das hat dort zwar auch manche Schattenseiten und meine Partnerin fand es fragwürdig, dass es Banken (also privatwirtschaftlichen Unternehmen) sehr viel Macht über Bürger gibt. Aber praktisch ist es eben sehr oft … praktisch.
Ich meine, dass es nicht um Totschlagargumente geht. Außer acht lassen kann man vermutlich folgende Situation nicht:
Deutschland und Estland/Island sind strukturell kaum vergleichbar: Estland baute nach 1991 seine Verwaltung komplett neu auf (“grüne Wiese”), Deutschland trägt gewachsene Legacy-Systeme und föderale Zuständigkeiten von 16 Ländern mit sich. Estland (1,3 Mio.) und Island (0,4 Mio.) sind zentralistische Kleinstaaten – Deutschland ist ein föderaler 83-Millionen-Staat, in dem digitale Standards erst zwischen Bund und Ländern ausgehandelt werden müssen. Zudem hat Deutschland aus der Erfahrung zweier Überwachungsdiktaturen eine verfassungsrechtlich verankerte Datenschutzsensibilität, während Estlands digitale Bürgeridentität auch ein geopolitisches Abgrenzungssignal gegenüber Russland war. Der Befund “Deutschland hinkt hinterher” stimmt in der Sache, aber der Vergleich unterschätzt systematisch die höheren Transformationskosten eines großen föderalen Bestandssystems gegenüber einem zentralistischen Neuaufbau.
Ja, es hat mit politischem Willen zu tun. Aber hast Du Dich mal mit einem Politiker unterhalten, der Willen und Knowhow hat und schlichtweg an den Strukturen der Behörden scheitert? Frei nach dem Motto: “Mir doch egal, wer über mit Minister ist”.
Das soll keine Entschuldigung sein und wir müssen da ran. Es aber “einfach” auf den politischen Willen zu schieben, greift zu kurz. Wir müssen a) an Strukturen und b) an die Menschen ran. Und da gibt es einen Zirkelbezug von Interessen und Einflusssphären. Diesen Aufzulösen ist eine wahre Mammutaufgabe. Und doch müssen wir sie angehen.
Was du schreibst, dürfte voll zutreffen.
Aber die TKK ist keine Behörde und leider eben auch für viele Nicht-Behörden symptomatisch.
Ein ähnliches Problem hatte ich letztens mit der DAK, und wollte daher auch schon wechseln: Im Ausweis steht bei mir Vorname Rufname Nachname, aber in der Datenbank der DAK bin ich nur mit Rufname Nachname drin. Folglich scheiterten alle digitalen Verfahren und das Briefprozedere war dann umständlicher und komplizierter als ALLE anderen Anmeldeverfahren, die ich bisher woanders erlebt habe. Selbst Elster, DATEV und Banking sind unkomplizierter.
Vermutung (aus Erfahrung in anderen ähnlichen Bereichen): Es sind so viele Ebenen von fachfremden Menschen beteiligt so dass die fachkundigen Leute einfach nicht zählen. Die müssen ja nur ausführen. Die Strukturen für IT Projekte sind in Deutschland leider sehr oft miserabel. Und je größer aufgehängt ein Projekt wird, desto schlimmer.
Langsam wundert mich wirklich überhaupt nichts mehr.
Verwandte hatten dann wohl Glück? Die machen alles lieber über eine Telefon-Hotline und beiden haben die PIN für die Gesundheitskarte bei der TKk telefonisch angefordert. Dann kam dieser große gelbe Umschlag mit dem gewohnten Briefträger, Personalausweis, identifiziert, ausgehändigt. Im gelben Umschlag dann der übliche Briefumschlag der TK mit dem „Frei-rubbel-Feld“ der PIN (bzw. einer Plastiklasche zum abziehen).
Damit und mit dem mehrjährig gültigen Freischaltcode konnten sie dann in der TK-App auf dem Smartphone ihre Gesundheitsakte freischalten und einsehen.