Wir tun uns schwer mit IT-Lösungen in Deutschland. Ich will das noch mal anhand eines aktuellen Vorgangs mit der Techniker Krankenkasse (TK) erläutern. Das ist keine Kritik der Krankenkasse, mit deren Leistungen ich zufrieden bin. Es zeigt einfach nur, welchen absurden Quatsch wir produzieren, wenn es digital wird.
Als Versicherter habe ich von der Krankenkasse einen kleinen Ausweis in der Größe einer Scheckkarte. Sie wird nicht Kranken- sondern Gesundheitskarte genannt. Darauf ist ein Bild von mir, ein paar Zahlen und in der Karte ist ein Chip, der von einem NFC-Terminal gelesen werden kann. Zu der Karte sollte ich auch eine PIN haben, die ich aber nicht habe.
Also fordere ich eine solche PIN an, über die App der TK, in der ich sicher authentisiert bin. Für ganz harte Sicherheit habe ich auch noch eine zweite Ident-App der TK, die immer dann aufgerufen wird, wenn die eigentliche App superduper ganz sicher sein will, dass der angemeldete und durch FaceID authentisierte Benutzer auch wirklich der ist, der er sein sollte. Also etwa, wenn ich gucken will, ob der Arzt mein Rezept schon “auf die Karte gespeichert” hat.
Um diese zweite App freizuschalten, reicht es nicht aus, sich mit Versichertennummer und per Briefpost zugeschickter Start-PIN auszuweisen, sondern man braucht die Gesundheitskarte und eine PIN. Die PIN, die ich nicht habe. Hilfsweise kann man halbjährlich sich immer wieder mit der Ausweis-App, einem deutschen Personalausweis und der dazu gehörigen PIN ausweisen. Das funktioniert, wenn man sich einmal in der Ausweis-App und der zum Personalausweis gehörenden Start-PIN ausgewiesen hat. Diese Start-PIN bekommt man zusammen mit seinem Personalausweis auf einem Blatt Papier.
Da ich für die Gesundheitskarte gerne eine PIN hätte, bestelle ich also bei der Krankenkasse eine solche PIN. Diese kann mir von der App direkt übermittelt werden, wenn ich mich entsprechend ausweise. Dazu kann ich aber weder die superduper sichere zweite Ident-App der Krankenkasse noch die Ausweis-App mit dem Personalausweis und dessen PIN benutzen. Die TK-App erfordert dafür eine weitere Wallet-App in der sie ein Ticket zur Überprüfung meines Ausweises aufmacht. Die will die Vorderseite und die Rückseite des Ausweises lesen, danach ein Selfie-Video von mir machen, und scheitert schließlich mit einer nichtssagenden Fehlermeldung. Einen zweiten Versuch kann ich nicht machen, da ja bereits ein Ticket existiert. Game Over.
Ich fordere also die Krankenkasse auf, mir die PIN zu der Gesundheitskarte per Post zuzustellen. Am nächsten Tag bekomme ich eine Mitteilung von DHL, dass ich demnächst einen Brief bekomme, den ich nur selbst in Empfang nehmen darf, wo ich mich wieder mit meinem Ausweis beweisen muss. DHL scheitert bei der Ankündigung an deutschen Umlauten.

Einen Tag später bekomme ich von der TK in deren App eine Mitteilung, es läge ein Brief für mich vor. Die Mitteilung kann ich nicht ausdrucken und auch keinen Screenshot machen, deshalb ein Foto:

Der Brief ist ein PDF, das ich herunterladen kann. Es sieht aus wie ein normales Schreiben der Krankenkasse, enthält aber nicht die PIN, sondern nur eine Ankündigung, dass ich demnächst einen PIN-Brief bekomme, dass ich gefälligst persönlich anwesend sein soll, damit mein Ausweis geprüft werden kann.

Nun ist Tag 4 der Bestellung, DHL hat kein Update zu dem Brief und bisher ist der Brief auch nicht eingetroffen. So wie beim ersten Versuch.
Sollte ich tatsächlich eine PIN bekommen, werde ich sie auf die Gesundheitskarte schreiben. Zur Sicherheit.
Die Mitteilung habe ich rein zufällig im Postfach der TK App entdeckt. Sie war wohl sehr geheim, weil ich dafür keine andere Benachrichtigung per Email bekommen habe.
Diesen ganzen Verhau von Apps multipizieren wir jetzt mit allen Banken und Versicherungen, mit denen ich Verträge habe. Rechnungen werden auch nicht mehr einfach zugestellt, sondern müssen jeweils in den Apps von Telekom und Co abgeholt werden.
Mein Fazit: Wir Deutschen sind einfach zu blöd für dieses IT-Zeitalter.
PS: Nein, ich bin für die elektronische Patientenakte nicht auch noch durch vier brennende Reifen gesprungen und habe der Einrichtung widersprochen.

Also sowas von Full ACK (heißt das so?). Super beschrieben. Und gar mit mehr als fünf Worten/Sätzen – das ist in solchen Fällen offensichtlich unvermeidlich 🙂 Wir sind auch grad dran, dias TK-Online-Dings für meine Frau hinzukriegen. Ich ahne Fürchterliches. Signal Iduna beim mir, oder Allianz, sind leider nicht besser. Den letzteren Registrierungsversuch habe ich b.a.W. aufgegeben. Bei Verimi bin ich noch mit Perso und Führerschein testhalber dabei, sehe aber nicht, was das (jedenfalls so wie’s jetzt umständlich ist) in der täglichen Praxis verbessern soll. Kurz und schlecht: Nicht nur die TK zeigt, wie es NICHT geht, sondern viele andere in D auch. Wieso können wir nichts lernen z.B. von Estland oder Ukraine? Dazu hab‘ ich noch ne Story, aber hier und heute nicht.
Da habe ich schlechte Nachrichten:
Berlin, 15. Juli 2026
Die Gesellschafter der Verimi GmbH haben beschlossen, den Geschäftsbetrieb des Unternehmens zum Ende des Jahres 2026 einzustellen. Ausschlaggebend für diese strategische Entscheidung ist die aufgrund der Marktentwicklung veränderte Bewertung der Erfolgsaussichten von Verimi im Markt für digitale Identitätslösungen in Europa.
Mit ein bisschen Glück taugt EUID-Wallet was. Aber das Letzte was ich zur Umsetzung in D gelesen habe, lässt mich eher nicht hoffnungsvoll zurück.